Texte

Salutogenese

Ich möchte hier eine neue Sichtweise von Gesundheit vorstellen.

Als ich 1989 – 1992 bei Dr. Wolf Büntig (www.zist.de) die Ausbildung in Rhythmustherapie/Humanistischer Psychologie besuchte, bin ich das erste Mal mit dem Begriff der Salutogenese in Kontakt gekommen und seither von diesem Perspektivenwechsel fasziniert und inspiriert.

Nachfolgend habe ich einige Grundlagen zusammengefasst. Spannend ist bei der salutogenetischen Betrachtungsweise für mich der Bezug zu Musik, Bewegung und Körperarbeit.

Salutogenese ist die Wissenschaft der Erforschung von Gesundheit (im Gegensatz zur Pathogenese, der Wissenschaft der Erforschung von Krankheit). Der Arzt Eckart Schiffer kennzeichnet Salutogenese als „Schatzsuche“ im Unterschied zur „Fehlerfahndung“ der herrschenden (pathogenetisch orientierten) Denkrichtung der Medizin.

Salutogenese (Gesundheitsentstehung: abgeleitet von lateinisch „Salus“ für Gesundheit/Wohlbefinden und Genese von griechisch „Genesis“ Geburt/Ursprung/Entstehung) bezeichnet zum einen eine Fragestellung und Sichtweise für die Medizin und zum anderen ein Rahmenkonzept, das sich auf Faktoren und dynamische Wechselwirkungen bezieht, die zur Entstehung (Genese) und Erhaltung von Gesundheit führen.Der israelisch-amerikanische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky (1923–1994) prägte den Ausdruck in den 1970er Jahren als komplementären Begriff zu Pathogenese. Nach dem Salutogenese-Modell ist Gesundheit nicht als Zustand, sondern als Prozess zu verstehen.

Die Gesundheit des Menschen ist laut Weltgesundheitsorganisation „ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“

Das Konzept der Salutogenese ergänzt die gängigen Vorstellungen von Gesundheit.Ein Mensch ist im Sinne der Salutogenese gesund, wenn er

  • mit Gottvertrauen gesegnet ist, bzw. in Betracht zieht, dass alles gut wird
  • seine Selbstwahrnehmung und sein Selbstgefühl soweit entwickelt hat, dass er sich selbst traut und seiner Intuition folgt anstatt sich Aussen zu orientieren
  • viel Energie umsetzt, also ein hohes Mass an Austausch mit Nehmen und Geben pflegt
  • Risiken eingeht (nicht im Sinne von Adrenalinkicks, sondern im Sinne von Lebendigkeit und Neuland riskieren)
  • nicht „normal“ ist (Orientierung an der Norm), sondern Eigensinnig und Eigenartig
  • in seinem Leben mehrheitlich Sinn und Bedeutsamkeit erlebt
  • nicht Opfer, sondern Gestalter seines Lebens ist
  • Verbindung und Autonomie selbstregulierend vereinbart
  • Flow, Selbstvergessenheit und Trance geniessen kann
  • Aggression konstruktiv und selbstwirksam einsetzen kann, d.h. Hin-, Weg- und Gegenbewegung kontextbezogen einsetzt
  • Sowohl-als-auch als mehrdimensionale Perspektive in sein Leben einbaut, bzw. Vieles (nebeneinander) für möglich hält

Indem wir uns aufmachen neue Erfahrungen in diese Richtung zu machen, geben wir uns selber Nährboden. Wir halten Ausschau nach Kohärenz (Stimmigkeit, Verbundenheit, Zusammenhang), schulen unsere Empfindungsfähigkeit/Selbstwahrnehmung, entwickeln Resilienz (Widerstandskraft) und erproben unsere Selbstwirksamkeit.

Im Musizieren und im Bewegungsausdruck werden diese Qualitäten in hohem Masse auf- und ausgebaut. Was gibt es schöneres als durch Musik und Tanz gesund zu sein?

 

Potentialentfaltung

In einem meiner Lieblings Gedichte schreibt Rainer Maria Rilke: „ . . . . . Ich will ein Garten sein, an dessen Brunnen die vielen Träume neue Blumen bringen . . . . !“

Seit ich vor 25 Jahren als Kinder-Gärtner gearbeitet habe, besteht meine Arbeit darin, für Menschen ein Garten zu sein. Genauer gesagt den Träumen von Menschen Nährboden zu geben.

Ein anderes Wort für Träume ist menschliches Potential. Dies ist poetisch ausgedrückt. Etwas konkreter könnte man sagen: Möglich wird, was wir für möglich haltenenn. Wer sät, kann auch ernten. Wenn wir in Betracht ziehen, dass wir über uns selbst hinauswachsen können, kann es auch geschehen. Was wir dazu brauchen ist einfach: Ein freundlicher, einladender und ermutigender rahmen um neue Erfahrungen zu machen.

Potential bezeichnet das Schlummernde und Unerhörte. Potentialentfaltung erweckt das Wesen des Menschen zum Leben und lässt ihn zum Ausdruck bringen wer er ist.

Hir gibt es eine Schnittstelle zur Sichtweise der Salutogenese. Die salutogenetische Forschung spricht oft von Ressourcen und dem Ermutigen/Ermächtigen von Ressourcen. Bei Ressourcennutzung geht es um das, was vorhanden und verfügbar ist. Teilweise erschlossen, teilweise nicht direkt verfügbar. Bei Potentialentfaltung ist der Fokus bei etwas, das zuerst ausgegraben, entdeckt werden will. Etwas das schlummert und höchstens als Ahnung dem Bewusstsein zugänglich ist. In dem Sinne ergänzt die Sichtweise der Potentialentfaltung die Salutogenese.

Was braucht es nun um menschliches Potential zur Entfaltung zu bringen?

Als Beispiel eine kleine Geschichte: Herr Müller wollte als 79 jähriger Rentner in seinem hohen Alter noch beginnen Chinesisch zu lernen, weil ihm der Klang der Sprache so gefiel. So besuchte er einen Volkshochschulkurs in dem er der Älteste war. Ausser im Kurs wendete er die Sprache nicht an und kam nicht vom Fleck. Dann kam aber diese etwas jüngere hübsche Aushilfe für die Chinesisch Lehrerin und er verliebte sich hoffnungslos in sie und die Chinesin sich in ihn. Bald ging die Chinesin wieder zurück in ihr kleines Dorf im hintersten Ecken von China. Er folgte ihr und nach kurzer Zeit schon sprach er die ersten Sätze zusammenhängend.

Der ältere Herr hatte beim Chinesisch lernen kein gehirntechnisches Problem, denn sobald man im Hirn eine Anlage nutzt, entwickelt sie sich auch. Was dem Lernen im Weg stand war ein Motivationsproblem. Es fehlte ihm an Bedeutung, Sinn und emotionaler Ladung in Form von Begeisterung. Mit dem Verliebt wurde diese Begeisterung geweckt.

Der Grund, warum wir bei all dem, was wir mit Begeisterung machen, auch so schnell immer besser werden ist einfach: Jeder kleine Sturm der Begeisterung führt gewissermaßen dazu, dass im Hirn ein selbsterzeugtes Doping abläuft. So werden all jene Stoffe produziert, die für alle Wachstums- und Umbauprozesse von neuronalen Netzwerken gebraucht werden. So einfach ist das: Das Gehirn entwickelt sich so, wie und wofür es mit Begeisterung benutzt wird.

„Leider können sich Erwachsene nur vereinzelt an ihre ersten Kindheitserlebnisse erinnern. Erinnern an dieses Glücksgefühl, mit dem sie sich als kleines Kind auf den Weg gemacht haben, die Welt zu entdecken. Sie können sich kaum entsinnen an diese unglaubliche Offenheit, Gestaltungslust und Entdeckerfreude. Sie haben nur eine getrübte Vorstellung von dieser den ganzen Körper durchströmenden Begeisterung über sich selbst und über all das, was es damals zu entdecken und zu gestalten gab. Wären diesen Erinnerungen präsenter, wären viele Sorgen, Probleme und Nöte des Erwachsenseins gar nicht existent.
So lautet die frohe Botschaft der Hirnforscher: Wer sein Gehirn nicht zu einer Kümmerversion dessen machen will, was daraus hätte werden können, der muss seine kindliche Begeisterungsfähigkeit zurück gewinnen. Er muss sich einladen, ermutigen und inspirieren lassen, die Welt noch einmal so zu betrachten, wie damals, als er noch ein Kind war: mit all der Entdeckerfreude und Gestaltungslust, die als Anreiz und Dünger für das eigene Hirn gebraucht werden.

Zentral ist dabei ein Leben lang der Erfahrungsaufbau durch Bewegung. In Verbindung mit Bewegung werden neuronale Netzwerke intensiver aktiviert, als durch blosse intellektuelle Anregung. Körpererfahrungen, insbesondere die Erfahrung der eigenen Möglichkeiten zur bewussten Steuerung von komplexen Bewegungsabläufen sind nicht nur entscheidend für die Herausformung und Stabilisierung der zur Bewegungskoordination aktivierten neuronalen und synaptischen Verschaltungsmuster. Sie bilden auch die Grundlage für die Bahnung und Festigung sogenannter executiver Frontalhirnfunktionen und die Aneignung von sogenannten Wissens-unabhängigen Metakompetenzen (Selbstwirksamkeitskonzept, Handlungs- und Planungskonzept, Impulskontrolle, Frustrationstoleranz, intrinsische Motivation).

Sich zu bewegen lernen heißt für´s Leben lernen!“ Gerald Hüther, Neurobiologe/Gehirnforscher


Musik & Bewegung

In meinem Wirken mit Musik, Bewegung und Körperarbeit bildet die Ausrichtung auf Potentialentfaltung und Salutogenese ein zentraler Background.

Durch Musik und Bewegung kommen Menschen zu sich. Sie bilden ihre Selbstwahrnehmung aus, was die Grundlage ist um Potential und Gesundheit zu entfalten.

Bis bald im Garten!

Mit Groove & Flow